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Jersey Rinder

Zum Französchischen Früschtück gehört Kaffee in der großen henkellosen Tasse und in England hat der Tee um fünf Uhr den Rang eines Bürgerrechts. Beide Nationalgetränke werden komplettiert durch eine gehörige Portion Milch, die so cremig wie möglich sein muss. Die passenden Produzentinnen dieser Zutat grasen auf einer Insel, die vor der Küste Frankreichs gelegen, jedoch zu England gehörig ist: auf Jersey.

 

Februar 2011 911 web

 

Die Jerseykühe verkörpern im Extrem das, was man einen Stoffwechselumsatztypen nennt. Die zierlichen 350 bis 400 Kilogramm leichten Kühe haben schlanke, trockene Beine und einen fein modellierten Kopf mit großen dunklen Augen. Kein überflüssiges Gramm Fett retuschiert die unter der dünnen Haut sicht- und fühlbare Anatomie. Nur ein geringer Teil des in rauen Mengen aufgenommenen Futters wird für den eigenen Bedarf verstoffwechselt. Das Gros wird an das die Körpersilhouette dominierende Euter weitergeleitet und als sahnig gelbe Milch abgegeben. Jahresleistungen von mehr als dem 25-fachen des Körpergewichtes sind dokumentiert. Rassetypisch sind aber die Inhaltsstoffe. Milch mit unter fünf Fettprozenten gilt bei den Jerseys als Magermilch, sechs Prozent ist der Durchschnitt, Spitzentiere geben mit zehn Prozent und mehr auch schon mal reine Sahne. Dies kann nur ein volldrüsiges, stark beadertes Euter leisten, das breit aufgehängt und mit einem kräftigen Mittelband versehen ist. Eine Milchdrüse wie aus dem ehrbuch, mit einer gleichmäßigen Viertelverteilung und gut platzierten, mittellangen Strichen.

Die nur 1,20 Meter kleinen Milchmädchen sind recht frühreif. Ihr erstes Kalb bekommen sie mit zwei Jahren oder auch schon etwas früher. Das Becken ist so großzügig bemessen, dass auch Kreuzungkälber von Charolais und Limousin es passieren können. Für Reinzuchtkälber scheint es überdimensioniert, denn mit nur etwa 20 Kilogramm ähneln diese eher Rehkitzen als Ur-Urenkeln. 

Diese Supermilchrasse besitzt das in britischen Handelskreisen sobegehrte Prädikat ,,By appointement of the Royal family". Schon King William IV. unterhielt im Park von Windsor eine Herde der zarten Milchspender, nicht etwa, weil sie farblich so vortrefflich zu den dort ebenfalls gehegten Hirschen passten, sondern um den Haushalt mit vorzüglicher Milch und Butter jederzeit frisch zu versorgen. Weil auch seine Nachfahrin Elisabeth II. an dieser Tradition festhält, braucht sie nie auf den Milchmann zu warten.

Die Jerseys sind kein original englisches Gewächs.Ihre Wurzeln sind in Asien und Afrika zu suchen. Einen ihrem Blutfarbstoff ähnlichen Typus findet man nur beim Hornvieh in diesen fremden Land. Dass sie über Spanien, Portugal und Frankreich einwanderten, ist rekonstruierbar. Wann sie den langen Marsch auf die Insel im Kanal unternahmen, ist nicht überliefert. Sicher ist, dass sie seit fast 250 Jahren ohne Blutzufuhr von außen auf Jersey reingezüchtet und ingezüchtet werden.

1763 wurde die Insel zur Abwehr drohender Tierseuchen für Vieheinfuhren rigoros gesperrt. Einem ähnlichen Verdikt verdankt das Islandpony seine Reinzucht. Wenn schon nicht importiert werden durfte, so wurde kräftig exportiert, zur Freude und zum Schrecken der Handelsbilanzbuchhalter. Von der nur wenige Quadratmeilen großen Insel mit einer Gesamtmilchviehpopulation von sechs- bis siebentausend Kopf wurden zwischen 1868 und 1942 Exporte von 22 148 Kühen und 4 607 Bullen offiziell registriert. Die Schwarzverkäufe am Finanzamt vorbei müssen noch dazugezählt werden. Hauptabnehmer waren England, Amerika und Neuseeland, dessen riesige Milchviehherde zeitweilig zu über 80 Prozent aus Jersey bestand. Egal, in welche Regionen des Globus es die Jerseys verschlug, überall bewährten sie sich, sei es in Australien, Argentinien oder Armenien, Simbabwe, Sri Lanka oder Sulawesi. Meist verdienten sie sich ihren Lebensunterhalt mit Milchgeben, aberwenn gefordert, auch mit Gespannarbeit. Dies wird vom Dach der Welt berichtet, aus Nepal. Überall etablierten sich Jerseyzuchtverbände, die das Zuchtziel den örtlichen Gegebenheiten anpassten. Von einem einheitlichen internationalen Standard kann schon lange nicht mehr gesprochen werden.

Führende Jerseyzüchter in Europa sind die Dänen. Um 1900 importierten sie 5.000 Tiere, schlossen das Zuchtbuch und entwickeln seitdem ihre eigene Butterkuh. Inzwischen sind die skandinavischen Jerseys etwa 20 Zentimeter höher, 100 Kilogramm schwerer und geben etwa 1.000 Liter Milch mit etwa einem Prozent mehr Fett als ihre britischen Cousinen. Über Dänemark gelangten die Jerseys zu Beginn der 60er auch in die deutsche Milchviehhaltungen. Sie wurden eingestellt, um in der Tankmilch die mageren Fettprozente ihrer schwarzbunten Stallgenossinen zu kompensieren. Große Karriere machten sie im Osten Deutschlands, als es noch keine ,,Neuen Bundesländer" gab. Das von Prof. Schönmuth entworfene ,,Schwarzbunte Milchrind(SMR) der DDR" führte 12,5 bis 25 Prozent Jerseygene, was am zierlichen Exterieur und indbesondere an der Leistung des SMR zu erkennen ist. Aber auch Reinzuchtbetriebe behaupten sich bei uns. Ihre Milch ist aber zu schade für den homogenisierten und fettreduzierten Molkereieneinheitssaft. Sie haben ihre Marktnische in der Lieferung von Vorzugsmilch gefunden. Dies ist auch angemessen für eine Milchkuh mit königlichem Titel.

 

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